Brandschutz: Über brennende Fragen unserer Zeit

Indem man das Unerwartete erwartet, beweist man laut Oscar Wilde einen durch und durch modernen Geist. Der Gedanke passt gut zum Thema Brandschutz. Schließlich hat schon das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen im Rahmen eines Urteils vom November 1985 daran erinnert, dass der Umstand, dass in vielen Gebäuden jahrelang kein Brand ausbricht, für die Betroffenen lediglich einen Glücksfall darstellt [1]. Mit einem Feuer muss also überall und jederzeit gerechnet werden.

In Deutschland ereignen sich Brände in privaten Haushalten beinahe im Minutentakt. Die meisten Opfer von Wohnungsbränden kommen durch eine Rauchvergiftung und nicht aufgrund von Flammen ums Leben. Je nach Rauchentwicklung führen bereits wenige Atemzüge zu Bewusstlosigkeit und Tod. Das liegt nicht allein an den vielen synthetischen Materialien, mit denen wir uns heutzutage umgeben. Ein brennender Papierkorb zum Beispiel kann einen Raum in kürzester Zeit vollständig mit Rauch füllen.

Je nach Brandtyp richtig ausgerüstet

Ist ein Feuer erst einmal ausgebrochen, ist es für Gegenmaßnahmen oft schon zu spät. Zumindest dann, wenn man nicht über die geeigneten Hilfsmittel zur Eindämmung eines Entstehungsbrandes und das Wissen um deren sicheren Einsatz verfügt. Denn selbst wenn entsprechende Ausrüstung existiert, gibt es zahlreiche Punkte, die beachtet werden müssen, um sich und andere nicht noch zusätzlich zu gefährden. Wie aber bereitet man sich und die eigenen vier Wände am geschicktesten auf den Fall der Fälle vor?

Brandbekämpfung bedeutet grundsätzlich, dem Feuer Nahrung zu entziehen. Als Mittel für den Haushalt sind hier Feuerlöscher, Löschdecke und Löschspray zu nennen. Instinktiv kommt häufig auch Wasser zum Einsatz, was im wahrsten Sinne brandgefährlich sein kann. Wenn Fett im Spiel ist, riskiert man eine explosive Reaktion auf dem Herd. Fachleute empfehlen daher am besten gleich zwei unterschiedliche Typen von Feuerlöschern vorzuhalten. So kann je nach Szenario richtig reagiert werden: Ein kompakter Fettbrandlöscher gehört in die Küche, ein Schaumfeuerlöscher schützt die übrigen Räume.

Worauf Käufer achten sollten

Beim Kauf sollte man auf die zugesicherten und geprüften Produkteigenschaften achten und sich nicht von günstigen Preisen leiten lassen. Bei Billigprodukten kann es nämlich passieren, dass die Wurfweite zu kurz ist und die erwartete Löschleistung nicht erreicht wird. Doch woran erkennt man als Laie, dass ein Feuerlöscher seinen Job sicher erledigt? Drei Merkmale sind hier zu nennen: Der Löscher muss einen „DIN EN 3“-Aufdruck sowie ein CE-Zeichen besitzen. Noch besser ist zusätzlich das GS-Zeichen für geprüfte Sicherheit. Gut von außen erkennbar besagt ferner das „Feuerwehr-Rot“ eines Löschers – technisch ausgedrückt der Farbton RAL 3000 –, dass es sich um ein zugelassenes Modell handelt. Festgelegt ist das in der DIN EN3.

Wertvolle Informationen zur intensiveren Beschäftigung mit dieser wichtigen Thematik bietet die Informationsseite der Aktion „DAS SICHERE HAUS“ (DSH). Äußerst anschaulich – unter anderem in Form eines in Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) erstellten Trickfilms – wird hier wertvolle Aufklärungsarbeit geleistet. Ein vorbildliches Projekt.

Oberste Priorität im Brandfall

Wer sich nun in gleichermaßen vorbildlicher Weise wappnet, darf trotzdem eines nicht vergessen: Oberste Priorität im Brandfall hat weiterhin die schleunige Evakuierung aller Bewohner sowie die Verständigung der Feuerwehr. Das vorherige Zusammensuchen von Dokumenten und Wertgegenständen ist freilich Tabu, denn es bleibt nur wenig Zeit. Sehr schnell können Rauchgase für Temperaturen von 500 bis 600 Grad sorgen, so dass sich sämtliche brennbaren Objekte schlagartig entzünden. Experten sprechen dann von einem Vollbrand.

Wenn man selbst vergeblich versucht hat, das Feuer in seiner Entstehung zu löschen, kommt es darauf an, die Tür zum Brandraum zu schließen. Fenster müssen ebenso geschlossen bleiben, denn jede Zufuhr von Sauerstoff wirkt brandfördernd.

Für den Fluchtweg nach draußen gibt es noch weitere wichtige Tipps: Hat sich bereits dichter Rauch entwickelt, sollte man sich möglichst auf dem Boden bewegen, weil hier die Konzentration der Giftstoffe am geringsten ist. Wird die Wohnung durch eine Tür verlassen, deren Klinke sich heiß anfühlt oder durch deren Spalt Rauch dringt, deutet das auf einen weiteren Brandherd hin. Die Flucht in diese Richtung fortzusetzen, bedeutet Lebensgefahr.

Eine Frage der Zeit: Hilfsfristen

Hat man es ins Freie geschafft, soll man dort auf die Feuerwehr warten und auf keinen Fall noch einmal in das brennende Haus zurückkehren. Interessant in dem Zusammenhang sind die Hilfsfristen – die Zeit also, die vom Notruf bis zum Eintreffen von Feuerwehr und Rettungskräften maximal vergehen darf. Nach ihr richtet sich sowohl die Dichte des Netzes an Feuerwehrstandorten als auch die technische und personelle Ausstattung. Je nach Bundesland gibt es hierfür verschiedene Werte. Sie reichen von acht Minuten in Nordrhein-Westfalen (wobei für ländliche Regionen ein Wert von zwölf Minuten gilt) bis hin zu vierzehn Minuten in Thüringen (in ländlichen Regionen drei Minuten mehr).

In der Praxis wird – weil das Ganze viel Geld kostet – um die Werte regelmäßig gerungen. Reicht das Personal nicht aus, drohen die Vorgaben schlimmstenfalls Makulatur zu werden [2]. Die Leidtragenden sind dann – abgesehen von überlasteten Feuerwehren – vor allen Dingen die Opfer [3].

Vom Retter zum Opfer

Vom Retter zum Opfer werden leider immer häufiger Einsatzkräfte vor Ort, indem sie bei ihrer Arbeit behindert oder gar angegriffen werden. Erst Anfang vergangenen Jahres wurden durch den Bundestag härtere Strafen für tätliche Attacken auf Rettungskräfte und Polizisten beschlossen [4]. Ob diese eine hinreichend abschreckende Wirkung entfalten werden, ist fraglich. Wobei neben der gesetzlichen Theorie insbesondere der Aspekt der Strafverfolgung und die anschließende gerichtliche Bewertung zu berücksichtigen wäre. Für endlose Schwarzer-Peter-Spiele zwischen dem Gesetzgeber und einer über Personalmangel klagenden Justiz [5] ist die Situation allerdings zu ernst. Das zeigen allein schon die Vorfälle in der Silvesternacht 2017. So sprach beispielsweise der Berliner Landesbranddirektor von einer „Aggressivität, die wir in den letzten Jahren noch nicht erlebt haben“ [6].

Dabei ist die vermeintlich neue Qualität der Gewalt, zu der auch gehört, Rettungskräfte gezielt per Notruf in einen Hinterhalt zu locken, um sie dann anzugreifen, so neu dann doch wieder nicht. Von den Betroffenen kann man das erfahren [7]. Überhaupt haben diejenigen, die sich jetzt allzu überrascht von derartigen Auswüchsen von Barbarei zeigen, eine sich lange abzeichnende Entwicklung der gesellschaftlichen Verrohung verschlafen. Vielleicht gilt auch hier das elende Prinzip, wonach nicht sein kann, was nicht sein darf respektive nicht ins bevorzugte Menschenbild passt. Vertreter der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft (DFeuG) fordern jedenfalls zu Recht, dass sich endlich etwas ändert [8].

Brandschutz 4.0

Für eine gewisse Entlastung der Feuerwehren könnte in Zukunft das sorgen, was als „Brandschutz 4.0“ gehandelt wird. Ähnlich wie bei Predictive Analytics können auch beim Brandschutz Algorithmen gepaart mit Sensoren, Kameras und smarten, miteinander vernetzten Rauchmeldern für eine Frühesterkennung sorgen, so dass im Idealfall ein Schadensereignis künftig gar nicht erst eintritt.

Schon heute hat die seit vergangenem Jahr geltende Rauchmelderpflicht für Wohnungen nach Berichten aus zahlreichen Städten NRWs [9] dafür gesorgt, dass Feuerwehren früher alarmiert werden und so eine erhöhte Chance haben, Menschenleben zu retten [10]. Eine auch aus demografischer Sicht positive Entwicklung, denn ältere Menschen bilden die größte Opfergruppe [11].

Big Data statt „No Data“

Dass mit der steigenden Zahl an Rauchmeldern auch die Zahl der Fehlalarme steigt, dürfte verschmerzbar sein. Bei der Planung und Festlegung der Etats sollte dies dennoch berücksichtigt werden und nicht einfach unter den Tisch fallen. Die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V. (VFDB) hat im Rahmen ihres Projektes „Brandschadenstatistik“ 2016 den Anteil der tatsächlichen Brände unter allen Alarmierungen mit insgesamt 21 Prozent angegeben, wobei die Alarmierungen zu 68 Prozent über automatische Brandmeldeanlagen erfolgten [12].

Ein bemerkenswertes Detail am Rande: Während alle über Vernetzung und Big Data reden, gibt es für Deutschland – anders als etwa in Großbritannien [13] – trotz Bemühungen, die sich über mehr als ein halbes Jahrhundert erstrecken, noch immer keine bundeseinheitliche und umfassende Brandstatistik. Die würde dabei helfen, den Brandschutz weiter zu optimieren, indem man aus ihr Dinge wie die Wirksamkeit von Maßnahmen ableiten könnte, die zudem mit den sich ändernden Gegebenheiten Schritt halten müssen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Elektromobilität, die nicht nur zum automobilen „Game Changer“ wird, sondern auch im Bereich der Rettung nach Verkehrsunfällen für ganz neue Herausforderungen sorgt, wie ein Fall zeigt, bei dem die Einsatzkräfte – um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen – zunächst eine Anleitung aus dem Internet herunterladen mussten, um ein Fahrzeug des US-Herstellers Tesla stromlos zu machen [14].

Nichts kommt von allein

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beim Brandschutz wie in praktisch allen anderen Lebensbereichen nichts von allein kommt. Auch wenn wir in unserem Land in dieser Hinsicht glücklicherweise auf der Sonnenseite leben dürfen, kann sich niemand auf dem Erreichten ausruhen, ist permanente technische Fortentwicklung ebenso gefragt wie laufende Fortbildung. Vor allen Dingen aber brauchen wir auch in Zukunft Menschen, die bereit sind, für unsere Sicherheit Leib und Leben zu riskieren, denn bis Roboter an die Leistungen menschlicher Retter heranreichen, wird noch sehr viel Wasser beziehungsweise Schaum durch Deutschlands Feuerwehrschläuche fließen.

Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV), hat es sehr schön auf den Punkt gebracht: „Die Feuerwehr vereint die Menschen. Sie ist vielfältig, vertrauenswürdig und weltweit ein Vorbild.“ [15] Um so fassungsloser macht es, dass man auch in diesem Zusammenhang das Unerwartete erwarten muss – dass nämlich offenbar eine wachsende Zahl von Menschen nicht begreift, wem wir größten Respekt und Dankbarkeit schulden.

Autor:

Michael Graef, Chefredakteur
20.02.2018

Quellen:

[1] http://www.justiz.nrw.de/nrwe/ovgs/vg_gelsenkirchen/j1985/5_K_1012_85urteil19851114.html
[2] https://dfeug.de/index.php/nordrhein-westfalen/news/1975-deutsche-feuerwehr-gewerkschaft-warnt-vor-verlaengerung-der-hilfsfrist-bei-notfaellen-und-fordert-mehr-personal-bei-feuerwehr-und-rettungsdienst.html

[3] http://www.rp-online.de/nrw/panorama/duerfen-krankenwagen-bald-spaeter-kommen-aid-1.6286559

[4] https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Meldungen/2017/02/2017-02-08-schutz-fuer-vollstreckungsbeamte.html

[5] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/heiko-maas-justizminister-fuer-haertere-strafen-bei-attacken-auf-einsatzkraefte-a-1185916.html

[6] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-01/silvester-angriffe-polizei-feuerwehr-rettungskraefte-maas-konsequenzen

[7] https://www.schwaebische.de/landkreis/landkreis-ravensburg/ravensburg_artikel,-gaffer-werden-mit-klicks-belohnt-_arid,10808935.html

[8] http://www.deutschlandfunk.de/attacken-auf-feuerwehrleute-die-hemmschwelle-ist-stark.694.de.html?dram:article_id=407600

[9] https://www.waz.de/staedte/essen/die-neue-rauchmelder-pflicht-zeigt-in-essen-erste-wirkung-id210171085.html

[10] https://www1.wdr.de/verbraucher/wohnen/ein-jahr-rauchmelderpflicht-100.html

[11] https://www.feuertrutz.de/statistik-der-brandtoten-in-deutschland-2015/150/52637/

[12] http://www.ref14.vfdb.de/fileadmin/download/pm/PM-vfdb-05072016.pdf

[13] https://www.gov.uk/government/statistics/detailed-analysis-of-fires-attended-by-fire-and-rescue-services-england-april-2016-to-march-2017

[14] https://www.nwzonline.de/blaulicht/bad-bentheim-unfall-mit-elektroauto-feuerwehr-muss-tesla-anleitung-aus-internet-runterladen_a_50,0,2932439547.html

[15] http://www.feuerwehrverband.de/79.html?&tx_news_pi1%5Bnews%5D=440&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=18a652828c1b77250828619ca1747354
  

Hinweis:

Dieser Artikel ist ursprünglich erschienen im Wissenschaftsjournal TM 2.0. Die TM 2.0 war die digitale Fortsetzung der 100 Jahre lang in gedruckter Form erschienenen Technischen Mitteilungen (TM), die bereits im Jahre 1907 in Dortmund durch drei Berufsverbände (Rhein.- Westf. Bezirksverein Deutscher Chemiker, Elektrotechn. Verein des Rhein.-Westf. Industrie-Bezirks und Westfälischer Bezirks-Verein Deutscher Ingenieure) gegründet wurden. Aufgegangen ist die TM 2.0 im HDT-Journal.

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