Geothermie als Antwort auf bohrende Energiefragen?

Mit der These, Energie sei zu billig, macht man sich 2022 keine Freunde. Der lange Zeit relativ günstige Preis fossiler Energieträger ist jedoch einer der Hauptgründe für den nach wie vor halbherzigen Ausbau erneuerbarer Energien und somit eine wichtige Ursache für das derzeitige Dilemma. Dass man gegenwärtig neidvoll auf die vergleichsweise niedrige Inflationsrate der Schweiz blicken kann, liegt zum großen Teil an der eidgenössischen Energiepolitik. Ihre eigentliche Geburtsstunde schlug zur Zeit der Ölpreiskrise von 1973. Seither hat man einiges richtig gemacht. Riskante einseitige Abhängigkeiten vermied man und setzte stattdessen auf einen tragfähigen Mix aus regenerativen Energien und Kernkraft. Das schafft Versorgungssicherheit und hält die Preise im bezahlbaren Bereich.

Als notorischer Musterschüler musste Deutschland sich hingegen unbedingt zeitgleich für den Ausstieg aus Kohle- und Kernkraft entscheiden, während man nach dem Sankt-Florians-Prinzip um jedes einzelne Windrad ringt und zusätzliche Optionen wie die Geothermie kaum in Betracht zieht. Dabei wäre es für die jetzt unausweichliche Aufholjagd von größter Wichtigkeit, alle Möglichkeiten auszuschöpfen.

Die Zahlen sprechen klar für Geothermie

Schaut man sich die Zahlen an, ist Geothermie ein „No-brainer“ wie es neudeutsch so schön heißt. Man muss es eigentlich tun. Bei dieser Form von erneuerbarer Energie ist die Kluft zwischen dem riesigen weltweiten Potenzial von mehreren Milliarden Tonnen SKE (Steinkohleneinheiten) und der tatsächlichen Nutzung bislang allerdings am größten. Im politischen Berlin wird heute viel von „Freiheitsenergie“ gesprochen. Mit der Erdwärme liegt unter unseren Füßen ein echter Hebel, mit dem die energetische Abhängigkeit und Erpressbarkeit signifikant reduziert und im Konzert mit weiteren erneuerbaren Energien mittel- bis langfristig beendet werden kann. Doch während über die Hälfte unseres landesweiten Energiebedarfs auf die Wärmeerzeugung entfällt, wird diese aktuell nur zu 15 Prozent durch erneuerbare Energien bestritten. Gerade die Geothermie bietet hier enorme Chancen.

Das zeigt aktuell auch die „Roadmap tiefe Geothermie für Deutschland“, in der sechs Einrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zur Geothermie geben. Die deutliche Mehrzahl der Wohnungen hierzulande ließe sich der Studie zufolge künftig mittels Tiefengeothermie nachhaltig beheizen.

 


 

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Welche Formen der Geothermie gibt es?

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Die Nutzung von Erdwärme kann auf verschiedene Arten erfolgen. Die direkte Nutzung kennt man etwa schon von frühen römischen Bädern. Die indirekte Nutzung zum Kühlen oder Heizen funktioniert mithilfe von Wärmepumpen. Des Weiteren lässt sich die Erdwärme zur Erzeugung von Strom nutzen, indem die Wärme in mechanische Energie umgewandelt wird. 

Die Geothermiequellen wiederum werden in Abhängigkeit ihrer Lage unterschieden. Bei der oberflächennahen Geothermie gewinnt man die Erdwärme durch bis zu rund 400 Meter tiefe Bohrungen. Hierdurch wird die Wärme- oder Kühlenergie der oberen Erd- und Gesteinsschichten beziehungsweise des Grundwassers erschlossen, um unter anderem Gebäude zu beheizen oder zu kühlen. Diese Technik ist bereits recht weit verbreitet. Rund eine halbe Million derartiger Anlagen existieren mittlerweile in Deutschland.

Tiefengeothermie setzt im Gegensatz dazu auf die Erdwärme der Erdrinde in Schichten ab circa 400 Meter Tiefe und bis hinab zu mehreren tausend Metern. Je nach den jeweiligen Gesteinsformationen wird von Niederenthalpie- oder Hochenthalpie-Lagerstätten gesprochen. Letztere liefern Wärme bei sehr viel höheren Temperaturen, wofür häufig Magmatismus verantwortlich ist. Das hier für hydrothermale Geothermie gewonnene Wasser (respektive Wasserdampf) pumpt man heutzutage im Nachgang an die Verwertung wieder zurück, um den Druck am Entnahmeort aufrecht zu erhalten und Umweltauswirkungen beispielsweise durch das Entweichen von enthaltenen Schwefelgasen zu verhindern.

Für die Tiefengeothermie müssen nicht unbedingt neue Bohrungen durchgeführt werden. Vielfach ist eine Sekundärnutzung vorhandener Schächte oder Tunnelsysteme beispielsweise aus dem Bergbau möglich.

 


 

Annahme verweigert

Laut der „Roadmap tiefe Geothermie für Deutschland“ seien die Risiken des Ausbaus der Tiefengeothermie gering und beherrschbar, die Kosten für die Energieerzeugung mit unter 3 Cent pro Kilowattstunde niedrig. Einzig der Investitionsbedarf für die Tiefengeothermie sei zu Anfang ein Hindernis. Er läge im mittleren zweistelligen Milliardenbereich, was höhere staatliche Förderungen erforderlich macht. Wie hoch aber wäre der Preis eines Verzichts?

Angesichts eines für den Fall eines russischen Gaslieferstopps befürchteten kalten Winters enthält die Beschäftigung mit dem Potenzial der Geothermie eine hoffnungsvolle Botschaft. Dass selbst ein entschlossener Ausbau der Geothermie und Tiefengeothermie nach dem Motto „Lösung first, Bedenken second“ diesen Worst Case nicht mehr verhindern würde, ist indes sonnenklar. Klar ist ebenso, dass Sonnen- und Windenergie parallel zügig weiter ausgebaut gehören. Die Natur macht uns hier ebenfalls ein unglaublich wertvolles Geschenk. Man denke allein an die schier unvorstellbaren geschätzten 174 Petawatt, die laufend von der Sonne zu uns kommen. Das ist mehr als das Zehntausendfache des derzeitigen Energiebedarfs der Menschheit. Noch immer sagen wir zu dieser mehr als großzügigen Lieferung viel zu oft: „Annahme verweigert.“

Autor: Michael Graef, 22.06.2022

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