Zum HDT-Gründungsjubiläum: 95 Jahre Wissen durch Erfahrung

Am 21. November 2022 jährt sich die Gründung des HDT (Haus der Technik) zum 95. Mal. Anlass genug für einen Rückblick auf bewegte Jahre und das Vermächtnis einer großen Persönlichkeit, die ihrer Zeit denkbar weit voraus war.

Als 1922 auf dem früheren Areal eines Blechwalzwerkes am östlichen Bahnhofsvorplatz Essens die Bauarbeiten zur Errichtung eines neuen Börsengebäudes beginnen, ist das HDT lediglich die Vision seines späteren Gründers. Ein Jahrzehnt zuvor schon hatte der 1881 in Schrimm an der Warthe geborene Ingenieur und Wissenschaftsjournalist Heinrich Reisner seine detailliert ausgearbeitete Idee einer modernen Einrichtung für die Weiterbildung von Fach- und Führungskräften und zur Beschleunigung des Austausches von Wissen und Erfahrungen öffentlich dargelegt. Der Entwurf des Vorläufers vieler heutiger Bildungseinrichtungen sollte aber erst Ende der 1920er-Jahre Wirklichkeit werden.

Eröffnung des Hauses der Technik vor 95 Jahren

Am 21. November 1927, das Essener Börsengebäude ist inzwischen fertiggestellt, wird darin im Rahmen einer Feierstunde unter Reisner als erstem Leiter das „Haus der Technik“ eröffnet. Für sein breit gefächertes Angebot an Veranstaltungen erhält es hier in perfekt erreichbarer Lage einen eigenen Gebäudetrakt. Bereits die allererste an diesem Ort gehaltene Vorlesung „Ingenieur, Chemiker und Kaufmann Hand in Hand“ spiegelt den bahnbrechenden interdisziplinären Ansatz wider – viele Jahrzehnte bevor es modern wurde, in inflationärer Weise vom „Thinking outside the box“ und der Vernetzung von Wissen zu sprechen.

Das erste Semester bringt im Winter 1927/28 den erhofften Erfolg. 2.000 Teilnehmende nehmen das Angebot wahr. Insgesamt 19 Veranstaltungen muten freilich bescheiden an, wenn man bedenkt, dass das HDT ein knappes Jahrhundert später jährlich mehr als 1.000 Seminare und Tagungen anzubieten in der Lage ist. Doch der Anfang ist gemacht.

Gründung des Trägervereins und weiteres Wachstum 

Am 9. Januar 1930 folgt die Gründung des gleichnamigen Trägervereins „Haus der Technik e. V.“ und im folgenden Frühjahr bezieht das Haus der Technik erstmals feste eigene Räume. Sie befinden sich in dem unweit vom Essener Börsengebäude in der Rathenaustraße neu errichteten Sparkassengebäude. Am 1. April 1930 werden sie feierlich eröffnet. Die Gesamtzahl der Teilnehmenden liegt nun bei 11.000.

Inmitten der schweren Wirtschaftskrise steigt im Winter 1932 die Zahl der Teilnehmenden weiter an. Vermehrt werden ganztägige, über mehrere Tage gehende Veranstaltungen durchgeführt. Zum ersten Mal erscheinen hierfür zusätzlich zum Gesamt-Vorlesungsverzeichnis Einzelprogramme.

Die dunklen Jahre

Als Ende 1935 der Vertrag mit der Sparkasse endet, wird dem Verein vorgeschlagen, das mittlerweile aufgrund der Zusammenlegung der Essener Börse mit der Rheinisch-Westfälischen Börse zu Düsseldorf freigewordene Gebäude am Hauptbahnhof zu beziehen. Nach entsprechenden Umbauarbeiten wird es 1936 von Generalinspektor Dr. Todt eröffnet.

Die Nationalsozialisten entziehen Heinrich Reisner die Leitung und gliedern das HDT dem Amt für Technik ein. Sie bestimmen darüber hinaus, dass die 1907 in Dortmund durch drei Berufsverbände gegründete technisch-wissenschaftliche Zeitschrift „Technische Mitteilungen“ zum Organ des Hauses wird und erweitern das Aufgabengebiet des HDT, indem sie die amtliche Auslegestelle der gesamten deutschen Patentliteratur in dessen Bibliothek überführen.

Am 5. März 1943 zerstört ein Bombenangriff der Alliierten das Haus der Technik fast vollständig. Die große Bibliothek mit der Patentschriftenstelle fällt den Flammen zum Opfer.

Wiederauf- und ausbau nach dem Krieg

Unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft beruft man Heinrich Reisner wieder ins Amt des Leiters. Er bemüht sich sofort um die Neuorganisation der Industrieförderung sowie die Wiedereinrichtung und den Wiederaufbau des im wahrsten Sinne des Wortes am Boden liegenden Hauses. 

Die erste Nachkriegsvorlesung findet am 24. April 1946 statt. 1953 erfolgt die Eröffnung des wiederaufgebauten HDT-Stammhauses. Heinrich Reisner ist zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren im Ruhestand. Reisners Nachfolgern gelingt im Laufe der folgenden Jahrzehnte der deutliche Ausbau des Angebots und die Festigung der Stellung des mehr und mehr über die Landesgrenzen bekannten und wirksamen Weiterbildungsinstitutes. 

Den glänzenden Ruf des HDT mehren zahlreiche Kooperationen mit wichtigen Hochschulen wie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH Aachen), der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) und der Technischen Universität Braunschweig. Außerdem unterhält man enge Beziehungen zu Forschungseinrichtungen und führenden Unternehmen verschiedenster Tätigkeitsfelder aus dem In- und Ausland.

Die Attraktivität nimmt zu

Viele HDT-Tagungen entwickeln sich zu Pflichtterminen für die jeweiligen Branchen. Das Veranstaltungsangebot wird im Laufe der Zeit permanent an die aktuellen Bedarfe angepasst, zudem investiert man nach Kräften in die Ausstattung. Ein großzügiger Umbau des in der Zwischenzeit unter Denkmalschutz gestellten Hauses bringt 1988 als Ergebnis unter anderem den attraktivsten Hörsaal Essens hervor.

Nicht nur in Essen bietet das HDT jetzt Weiterbildungsveranstaltungen an, sondern bundesweit an immer mehr Orten. Auch als Teil der beliebten HDT-Sommerakademie, die das Lernen und die persönliche Weiterentwicklung in ungezwungener Atmosphäre dort erlaubt, wo andere bloß Urlaub machen. Hinzu kommen beispielsweise Inhouse-Seminare mit wegweisenden Lehrmethoden und Seminare nach Maß, die individuell an die Bedarfe von Unternehmen angepasst werden.

Zeitenwende: Digitaler Campus

Begreift man Krisen der griechischen Wortherkunft nach als Wendepunkte, mit denen Chancen einhergehen, so hat das HDT 2020 die Zeichen der Zeit richtig gedeutet. Gestärkt kommt es aus der Pandemie, welche über Nacht unzählige Unternehmen von ihrer Kundschaft abgeschnitten und in Existenznot gebracht hatte. Just in dieser herausfordernden Zeit wagt das HDT eines der ambitioniertesten Projekte seiner jüngeren Geschichte – und hat damit Erfolg. Mit der Schaffung des digitalen Campus setzt man sich an die Spitze der Entwicklung hin zur Wissensvermittlung von morgen. Egal also, ob Menschen virtuell oder in Präsenz an HDT-Veranstaltungen teilnehmen – stets erhalten sie die nötigen Impulse für ihre Karriere.

Neben einer hoch modernen Conferencing-Software trägt ab 2021 eine spezielle App dazu bei, dass das Lernen und der Austausch mit den Referierenden und den übrigen Teilnehmenden von überall bestens gelingt. Abermals investiert man überdies in die Ausstattung des Hauses. Mit den neu eingerichteten Streaming-Studios verfügt Deutschlands ältestes technisches Weiterbildungsinstitut fortan über die modernste digitale Aufnahmetechnologie, inklusive Greenscreen-Technik. Sie lässt Vortragende regelrecht mit ihren Präsentationen verschmelzen. Das Resultat sind lebendige, begeisternde Vorträge – fernab vom berüchtigten „Screen-Fatigue“.

Fazit: Zukunft braucht Herkunft 

Mit seiner berühmten Feststellung, dass Zukunft Herkunft brauche, brachte der wenige Monate nach der HDT-Gründung geborene Philosoph Odo Marquard einst auf den Punkt, was die Menschen im HDT dieser Tage mit Blick auf das HDT-Jubiläum und im Gedenken an Heinrich Reisner bewegt. Da ist einerseits der Stolz auf das gemeinsam Erreichte. Andererseits erfüllt uns Staunen und Bewunderung angesichts der ungeheuren Weitsicht, über die Heinrich Reisner letztlich verfügte. Als Synoptiker der Technik hat man Reisner seinerzeit zu Recht bezeichnet. Eine Eigenschaft, die extrem selten, jedoch heute nötiger denn je ist. 

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr 2022 zeigt sich im Zuge der Energiekrise wie elementar wichtig es ist, in einer zunehmend komplexen Welt den Überblick zu behalten und zugleich die wachsenden wechselseitigen, mit vielerlei Risiken verbundenen Abhängigkeiten und Einflussfaktoren erkennen zu können.

Das HDT will hier künftig weiterhin unablässig Beiträge leisten, um die Grundlagen für eine gedeihliche gesellschaftliche Entwicklung und für Frieden und Freiheit sichern zu helfen. Im Sinne des Auftrags – wie er sich aus der Satzung des Vereins und der Tradition des Unternehmens ergibt – und aus Respekt vor dem beeindruckenden Lebenswerk Reisners sowie all jener, die in der Vergangenheit – von ihm inspiriert – das 1927 Begonnene fortgeschrieben haben.

Autor: Michael Graef, November 2022 

Tags: 95 Jahre HDT
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