Elektro-Ladeinfrastruktur und E-Mobilität: Wird jetzt das Henne-Ei-Problem gelöst?

Sorgen sind Zinsen auf Probleme, die vor ihrer Fälligkeit gezahlt werden, heißt übersetzt ein englisches Sprichwort, von dem nicht ganz klar ist, wer es tatsächlich geprägt hat. Zum Thema Elektromobilität beziehungsweise Ladestationen passt es gut. Während viele ungeduldig auf die Umweltdividende der Mobilitätswende warten, weiß man nämlich nach einem kurzen Streifzug durch unsere Medienlandschaft nicht mehr genau, welche Sorge hinsichtlich der Realisierung des Ganzen überwiegt. Sind es jene über den viel zu zögerlichen Ausbau der Ladeinfrastruktur oder die über eine angeblich drohende Überlastung der Stromnetze wegen zu vieler Elektroautos? 

Eine Frage der Verteilung

In Großbritannien werden aus Angst vor einem Zusammenbruch der Netze inzwischen sogar konkrete Maßnahmen vorbereitet. Ab Mai 2022 will man private Ladestationen in Spitzenzeiten zwangsweise abschalten beziehungsweise das Aufladen zeitlich verzögern. Gleichzeitig werden Ladestationen für alle Neubauten ab 2022 Pflicht. Ein irrer Widerspruch? Wahrscheinlich braucht es einfach eine intelligentere Ressourcensteuerung. Die sollte im digitalen Zeitalter hüben wie drüben ohne Schwierigkeiten darstellbar sein, möchte man meinen. Allerdings geht einem dieses Argument mit Blick auf den hierzulande verschlafenen Ausbau der digitalen Infrastruktur nicht so leicht über die Lippen.

Gleichermaßen halbherzig wird entgegen der vielen anderslautenden Ankündigungen der letzten Jahre der Ausbau der Elektro-Ladeinfrastruktur durch die deutsche Politik begleitet. Wie lange redet man mittlerweile über das Henne-Ei-Problem der Elektromobilität und die fehlenden Ladesäulen? Im gerade erst zu Ende gegangenen Bundestagswahlkampf spielte das Thema erneut eine Rolle, wenngleich nur am Rande. Kommt nach dem Regierungswechsel vielleicht endlich Bewegung in die Entwicklung? Zunächst einmal laufen aktuell verschiedene bisherige öffentliche Förderprogramme wie die „Wallbox-Förderung“ des Bundes respektive der Kreditanstalt für Wiederaufbau (Kfw) aus. Und dann?

Die Industrie ist längst weiter

Offenbar wird wenigstens in Teilen der Politik verstanden, dass sich das Gros der Menschen ohne die Gewissheit, im Zweifelsfall auch unterwegs einen Platz zum Laden zu finden, beim nächsten Autokauf eher konservativ als progressiv verhalten wird. Die oft als Bremsklotz wahrgenommene Industrie ist längst weiter. Im Guten wie im Schlechten, wie das Beispiel Volkswagen zeigt. Mit seiner Ankündigung eines massiven Stellenabbaus am Standort Wolfsburg hat VW-Chef Herbert Diess für viel Unruhe und Kritik gesorgt. Überraschen kann die Botschaft jedoch nicht. Aufgrund der im Vergleich zu Verbrennern geringeren Komplexität von E-Autos ist es logisch, dass man zu ihrer Herstellung künftig deutlich weniger Menschen benötigt.  

Ebenfalls keine neue Erkenntnis ist, dass in Zukunft viele Stellen im Bereich Softwareentwicklung entstehen werden. Da bereits jetzt Fachkräfte fehlen, beginnen erste Marktakteure damit, das benötigte Personal selbst auszubilden. Dass die neuen Berufsbilder allein ein Anwachsen der Arbeitslosigkeit unter dem Strich nicht verhindern werden, gilt indes für viele als ausgemacht. Prognosen der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität (NPM) gehen für die Zeit bis 2030 von Jobverlusten in Folge des Wegfalls des klassischen Antriebsstrangs im mittleren sechsstelligen Bereich aus.

Neue Perspektiven eröffnen

Wie man mit den Konsequenzen der Disruption für den Arbeitsmarkt in einem so sehr von der Automobil- und Zulieferindustrie abhängigen Land wie unserem richtig umgeht, ist eine weitere bislang ungelöste Frage im Zusammenhang mit der Elektromobilität, auf die die Politik schnell kluge Antworten finden muss. Noch bleibt Zeit, drohende Verwerfungen (Stichwort „Rust Belt“) beispielsweise mittels des von den Gewerkschaften vorgeschlagenen Transformations-Kurzarbeitergeldes zu verhindern.

Programme zur Weiterbildung respektive zur beruflichen Neuqualifizierung können die Auswirkungen des technologischen Wandels zusätzlich abfedern und neue Perspektiven eröffnen. Denn aufzuhalten ist die Elektromobilität nicht. Die jüngste „Automotive Disruption Radar (ADR)" genannte Studie von Roland Berger etwa zeigt das in aller Deutlichkeit. Besonders bemerkenswert dabei ist, dass der Wandel nun nicht länger primär von Branchenneulingen wie Tesla forciert wird, sondern die klassischen Hersteller selbst „Gas geben“, indem sie sich ambitionierte Ziele für das Erreichen der Klimaneutralität geben. Gewiss auch in Erwartung schärferer politischer Vorgaben.

Autor: Michael Graef, 24.11.2021

 

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