Im Gespräch: Reinhard Botek – Fachkräftemangel in der Logistikbranche

Man darf nicht überrascht sein, wenn man dieser Tage auf die mit beträchtlichen Herausforderungen kämpfende Logistikbranche blickt. Schon vor fünf und mehr Jahren konnte jede(r) Interessierte über das wachsende Problem des Fachkräftemangels lesen. Der derzeitige Boom erinnert an den alten Slogan eines Mineralölkonzerns aus dem Jahr 1974: „Es gibt viel zu tun. Packen wir´s an.“ Nur: Wer bitte soll hier noch mit anpacken? Ob Möbelpacker*in, LKW-Fahrer*in, Lagerist*in, Kommissionierer*in oder viele andere Jobs – der Markt ist weitgehend leergefegt. Und das nicht nur in unserem Nachbarland Österreich, aus dem unser Interviewpartner stammt. Die Logistik macht schließlich an der Grenze nicht halt. 

Mit Reinhard Botek, dem Geschäftsführer der in Furth an der Triesting beheimateten großen Plattform Welt der Logistik, die unter anderem das Logistik Magazin herausgibt, sprachen wir über das Phänomen, seine Ursachen und mögliche Lösungen. Diese Gedanken und Ideen zum Fachkräftemangel werden gewiss auch hierzulande auf großes Interesse stoßen. Nur zur Einordnung: In Deutschland liegt der Logistiksektor gemessen an der Zahl der Beschäftigten immerhin bereits auf Platz drei. 

HDT-Journal: Herr Botek, selbst Nichtkenner der Materie müssen mitbekommen haben, dass die Logistikbranche gerade an Grenzen stößt. Wer zum Beispiel dieser Tage eine deutsche Autobahnraststätte ansteuert, erkennt, was mittlerweile sogar die Versicherungswirtschaft umtreibt: Es fehlen LKW-Parkplätze – und zwar jede Menge. Pro Nacht sollen es nach Schätzungen allein in Deutschland bis 2023 ganze 40.000 sein. Dass LKW-Fahrer gut ausgeruht unterwegs sein sollten, wissen nicht nur Versicherungsfachleute. Kommt aber der Logistikboom insgesamt wirklich so unerwartet?

Reinhard Botek: Von einem echten Logistikboom würde ich erst seit Beginn der Pandemie sprechen. Und dieser Boom kam in der Tat überraschend. Der E-Commerce-Bereich legte in den vergangenen 18 Monaten mit 30 Prozent Wachstum überproportional zu. Bis dahin waren die Wachstumsraten jenen der Wirtschaft angepasst. Die Pandemie hat die Versäumnisse schonungslos offengelegt und ein länger köchelndes Problem verstärkt. Der Boom macht dies nun für alle sichtbar.  

HDT-Journal: Eine Studie von Ernst & Young ließ schon Anfang 2018 aufhorchen. Eindrucksvoll quantifizierte sie die eingeschränkte Wettbewerbsfähigkeit des österreichischen Mittelstands und mithin die Dämpfung des Wirtschaftswachstums durch den Logistik-Fachkräftemangel. Tut die Politik – aber auch Unternehmen, soweit sie darauf Einfluss nehmen können –, inzwischen genug, um die Situation zu drehen?

Reinhard Botek: Der Fachkräftemangel ist voll in der Logistikbranche angekommen und die demografische Entwicklung führt dazu, dass sich dieser weiter verschärfen wird. Gerade der derzeitige Boom macht diese Situation auch nicht einfacher. Es sind hier Politik und Unternehmen gleichermaßen gefordert. Politik und Fachverbände bieten die Möglichkeiten alternativer Ausbildungswege, müssen allerdings den Spagat schaffen, die Qualität der Ausbildung hochzuhalten und gleichzeitig dem Fachkräftemangel entgegenzutreten.

Unternehmen sind hingegen gefordert, attraktiv für ihre Mitarbeiter*innen zu sein, um sie zu halten – und gleichzeitig innovativ zu sein, um neue Fachkräfte zu finden. Einer unserer Kunden bietet zum Beispiel Logistikunternehmen die Möglichkeit, Quereinsteiger*innen nach eineinhalbjähriger Praxis in einem Logistikunternehmen in einem 17-wöchigen berufsbegleitenden Lehrgang den außerordentlichen Lehrabschluss zur/zum Speditionskauffrau/mann abzulegen. Solche Maßnahmen versetzen besonders mittelständische Unternehmen in die Lage, Fachkräfte selbst auszubilden. Der Mittelstand ist zudem auch besonders gefordert. Denn 56 Prozent der Unternehmen in dieser Kategorie verlieren mehr als fünf Prozent des Umsatzes aufgrund fehlender Fachkräfte. Großunternehmen dagegen bilden oftmals in firmeneigenen Akademien den Nachwuchs von Grund auf selbst aus. Für sie ist der Mangel grundsätzlich noch weniger spürbar.

HDT-Journal: Im Zusammenhang mit Themen wie Künstlicher Intelligenz und Automatisierung wird in den Medien bisweilen der Eindruck erweckt, Maschinen ständen kurz davor, das Steuer zu übernehmen – beispielsweise bei selbstfahrenden LKW. Bislang ähnelt die Wirklichkeit eher dem alten Traum vom papierlosen Büro. Bietet die Digitalisierung zumindest die Chance, die Branche mittelfristig für den Nachwuchs attraktiver zu machen? Junge Menschen fühlen sich doch offenbar von den Optionen einer digitalisierten Arbeitswelt vielfach angesprochen.

Reinhard Botek: Von der Attraktivität der Logistikbranche für junge Menschen durch KI, Automatisierung und Digitalisierung bin ich überzeugt. Viele verbinden die Logistik vor allem mit der Frage wie die Ware von A nach B kommt und warum das so lange dauert. Logistik ist aber natürlich viel mehr als das. Gerade bei Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung tut sich sehr viel in der Branche. Viele junge Unternehmen bieten hier auch spannende Lösungen an. Nehmen wir die Entwicklung einer VR-Brille zur Demonstration für Kommissionierungs-Abläufe, oder den Einsatz von Sensoren, um zu gewährleisten, dass die Ware in den richtigen Container und LKW findet, oder auch eine Tourenoptimierungssoftware. Die Wahrheit ist aber auch, dass gerade in diesen hochtechnologisierten Bereichen Fachkräfte fehlen. Da würde es noch sehr viele junge Menschen vertragen, die sich damit beschäftigen. 

HDT-Journal: Eng mit dem anscheinend noch suboptimalen Image des Logistiksektors verknüpft sind Missverständnisse in Sachen Qualifizierung. Dass etwa Mitarbeitende im Lager über kein besonderes Wissen verfügen müssen, erweist sich in der Praxis als Gerücht. Das zeigen steigende Kosten durch Retouren, die aus sogenannten Fehlpicks resultieren, um nur ein Beispiel zu nennen. Passen am Ende Stellenprofile, Vergütung und tatsächliche Aufgaben zu wenig zusammen, sodass die Branche für die Misere teilweise selbst verantwortlich ist? Und wären vermehrte Anstrengungen bei Zusatzqualifizierungen, Umschulungen und dergleichen ein Rezept, um die Lage zu entschärfen?

Reinhard Botek: Früher war es in Unternehmen tatsächlich an der Tagesordnung, Mitarbeiter*innen aufgrund fehlerhaften Verhaltens im Lager zu positionieren. Die Gehälter waren dementsprechend niedrig. Dazu war Intralogistik ein wenig bis gar nicht beachteter Kostenfaktor für die Unternehmen. Später stand die Effizienzsteigerung im Mittelpunkt, die Gehälter dagegen blieben auf niedrigem Niveau. Die heutigen Anforderungen an Lagermitarbeiter*innen stehen in keinem Zusammenhang mit den Aufgaben von früher. Nur das historisch entstandene Lohnniveau blieb erhalten. Gleichzeitig hat sich auch der Kunde bereits an kostenlose Lieferungen gewöhnt. Automatisierungen werden auch hier nicht halt machen und viele weitere Arbeitsplätze überflüssig machen. Dabei entstehen allerdings noch mehr neue Arbeitsplätze. Das Problem: Diese benötigen in der Regel zusätzliche Qualifizierungen. 

Daher kann ich ihre Fragen nur mit einem deutlichen Ja beantworten: Ausbilden, umschulen, qualifizieren – idealerweise in enger Abstimmung mit den Mitarbeiter*innen und ihren Talenten und Potenzialen sind ein ganz wesentlicher Faktor für die Bewältigung der aktuellen und kommenden Herausforderungen. Es sind bereits viele hervorragend ausgebildete Kräfte in der Logistikbranche tätig, es wird aber sicher noch mehr brauchen.

HDT-Journal: Ihr Unternehmen, die Welt der Logistik, ist breit aufgestellt, indem es neben dem Logistik Magazin unter anderem auch die Logistik Agentur und die Job-Plattform meinlogistikjob.com betreibt. Welche Möglichkeiten haben Sie mit Blick auf die Bewusstseinsbildung bezüglich des Fachkräftemangels und hinsichtlich der Lösungsfindung entwickelt, von denen andere lernen können?

Reinhard Botek: Mit meinlogistikjob.com bieten wir eine branchenspezifische Job-Plattform. Alle Jobs, die Sie auf dieser Seite finden, sind von unseren Kunden und erfüllen die entsprechenden Qualitätsansprüche. Unser Anspruch ist es, die besten Jobs der Branche auf einer Plattform zu vereinen. 

Mit der Logistik Agentur unterstützen wir unsere Kunden bei sämtlichen Marketingaktivitäten. Auch hier registrieren wir immer mehr Anfragen in Richtung Attraktivität als Arbeitgeber. Dafür bringen unsere Spezalist*innen auch sehr viel Erfahrung und Know-how mit. 

Als Welt der Logistik sind wir aber auch Sparringspartner für unsere Kunden zu sämtlichen Anliegen im Bereich Fachkräfte und sind hier auch sehr stark in beratender Funktion tätig. 

HDT-Journal: Herr Botek, wir danken Ihnen sehr für diese Einblicke und wünschen weiterhin guten Erfolg für Ihre wichtige Arbeit.

Die Fragen stellte Michael Graef.

Weitere Informationen:
Welt der Logistik
www.weltderlogistik.com

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